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sozial & Soziales Teil 2

sozial & Soziales Teil 2

20. Jahrhundert

Heinrich Rickert

Heinrich Rickert unterschied den Begriff des historischen Verstehens von dem des psychologischen Verstehens im Sinne eines Nacherlebens. Die Tatsachen in der Geschichte gewinnen ihre historische Bedeutung erst durch ihr Bezogensein auf Kulturwerte. Bei diesen handelt es sich nicht um Realitäten, sondern um irreale Sinngebilde. Geschichte handelt nur von solchen zeitlichen Vorgängen, die sich zugleich als Träger dieser Sinngebilde erweisen. Das historische Verstehen ist deshalb das Erfassen der irrealen Sinngebilde der Kultur. Das psychologische Nacherleben als Erkenntnisweise der seelischen Vorgänge bringt reale Vorgänge und keine irrealen Sinngebilde zur Erfahrung. Deshalb muss es vom historischen Verstehen begrifflich getrennt werden. Mit dieser grundlegenden Differenzierung des Verstehensbegriffs beeinflusste Rickert sowohl Georg Simmel als auch Max Weber.

Martin Heidegger

Martin Heidegger hat die Hermeneutik zusätzlich mit Bedeutung aufgeladen, indem er sie – weniger in seinem Hauptwerk Sein und Zeit als in seinen Vorlesungen der frühen 1920er Jahre – als Grundlage menschlicher Daseinssorge und Daseinsbewältigung begreiflich zu machen suchte. Verstehen ist ein konstitutives Element der gesamten Seinsverfassung des Menschen, ein „Existenzial“. Verstehen ist hier nicht mehr ein Verhalten des menschlichen Denkens unter anderen, sondern die Grundbewegtheit des menschlichen Daseins. Das Dasein selbst ist durch Seinsverständnis ausgezeichnet, es besitzt ein hermeneutisches Wesen. Dasein heißt immer auch Verstehen. Es geht um eine verstehende Auslegung dessen, was Dasein ist und als was es sich selbst versteht. Hermeneutik ist für Heidegger weder das Auslegen noch eine Auslegungslehre. Es ist der Versuch, das Wesen der Auslegung zu allererst aus dem Hermeneutischen zu bestimmen. Es muss aus dem Wesen des Daseins bestimmt werden, das sich selbst in der Welt und in der Geschichte auslegt. Sein Verstehenskonzept geht von einem „Sich-auf-etwas-Verstehen“ im Lebensalltag als einer unabdingbaren Voraussetzung allen praktischen Könnens aus:

„Dieses, nennen wir es ‚praktische‘, Verstehen denkt Heidegger als ‚Existenzial‘, d. h. als Seinsweise oder Grundmodus, kraft dessen wir in der Welt zurechtkommen und zurechtzukommen suchen. Das Verstehen bedeutet weniger eine ‚Weise des Erkennens‘ als ein von Sorge getragenes Sichauskennen in der Welt. […] Dies steht im Einklang mit der grundlegenden Bemühung der Hermeneutik um ein Erreichen dessen, was vor, oder besser: in oder hinter der Aussage steht, kurzum um die Seele, die sich im Wort ausdrückt. Es besteht kein Zweifel, dass Heidegger diesem Streben des hermeneutischen Verstehens folgt, um es gleichwohl durch die universale Einbettung des Verstehens in die Sorgestruktur des Daseins zu radikalisieren. […] Es wäre aber ein Missverständnis der Intentionen Heideggers, würde man meinen, die Selbstauslegung des Daseins habe außerhalb der Sprache zu erfolgen. […] Nicht um ein Verkennen oder Verdrängen der Sprache kann es sich handeln. Heidegger will lediglich, dass man in jedem gesprochenen Wort die sich kundgebende Sorge des Daseins mithört.“

Jean Grondin.

In einer Linie mit der von Dilthey gemeinten „Kritik der historischen Vernunft“ liegt Heideggers Begriff der „Geworfenheit“, der die geschichtliche Perspektive reflektiert, die allem Verstehen beigegeben ist:

„Die Hermeneutik hat die Aufgabe, das je eigene Dasein in seinem Seinscharakter diesem Dasein selbst zugänglich zu machen, mitzuteilen, der Selbstentfremdung, mit der das Dasein geschlagen ist, nachzugehen. In der Hermeneutik bildet sich für das Dasein eine Möglichkeit aus, für sich selbst verstehend zu werden und zu sein.“

Martin Heidegger.

Der Mensch wird so zu einem Wesen, das sich zu sich selbst verhält. Dieses Verhältnis ist ein unmittelbares, vorprädikatives und prä-reflexives Wahrhaben des In-der-Welt-Seins und keine reflexive Selbsterkenntnis. Das Verstehen geht der Reflexion voraus. Die Seiten des In-der-Welt-Seins sind Verstehen, Befindlichkeit und Sorge. Sie liegen der Erkenntnis und dem diskursiven Denken zugrunde. Eine wichtige hermeneutische Funktion erfüllt die Freiheit. Der Mensch besitzt nicht Freiheit als Eigenschaft, sondern es gilt das Umgekehrte:

„Die Freiheit, das ek-sistente, entbergende Da-sein besitzt den Menschen und das so ursprünglich, dass einzig sie einem Menschentum den alle Geschichte erst begründenden und ausreichenden Bezug zu einem Seienden im Ganzen als einem solchen gewährt. […] Die so verstandene Freiheit als das Sein-lassen des Seienden erfüllt und vollzieht das Wesen der Wahrheit im Sinne der Entbergung von Seiendem. Die ‘Wahrheit’ ist kein Merkmal des richtigen Satzes, der durch ein menschliches ‘Subjekt’ von einem ‘Objekt’ ausgesagt wird und dann irgendwo, man weiß nicht in welchem Bereich, ‘gilt’, sondern die Wahrheit ist die Entbergung des Seienden, durch die eine Offenheit west. In ihr Offenes ist alles menschliche Verhalten und seine Haltung ausgesetzt. Deshalb ist der Mensch in der Weise der Ek-sistenz.“

Martin Heidegger, Vom Wesen der Wahrheit

In der Hermeneutik sollen dem Dasein die Grundstrukturen seines Seins kundgegeben werden. Heideggers früh skizzierte philosophische Hermeneutik, der er bis zu seinem Tode keine systematische Ausarbeitung mehr hat folgen lassen, erlangte für die Auseinandersetzung um die Hermeneutik im 20. Jahrhundert weitreichende Bedeutung.

Hans-Georg Gadamer

Als einflussreichster Vertreter der philosophischen Hermeneutik im 20. Jahrhundert hat Hans-Georg Gadamer das Verstehen in den Zusammenhang eines prinzipiell nicht zu beendenden Gesprächs über die Deutung wichtiger Zeugnisse der geschichtlichen und kulturellen Überlieferung gestellt. Den Anstoß für die nachfolgende lebenslange Beschäftigung mit einer universalen philosophischen Hermeneutik empfing Gadamer 1923 in der Freiburger Vorlesung Heideggers über die „Hermeneutik der Faktizität“. In der Einleitung zu seinem 1960 erschienenen Hauptwerk Wahrheit und Methode skizzierte Gadamer Grundzüge seiner hermeneutischen Lehre folgendermaßen:

„Es gehört zur elementaren Erfahrung des Philosophierens, dass die Klassiker des philosophischen Gedankens, wenn wir sie zu verstehen suchen, von sich aus einen Wahrheitsanspruch geltend machen, den das zeitgenössische Bewußtsein weder abweisen noch überbieten kann. […] Wenn wir das Verstehen zum Gegenstand unserer Besinnung machen, so ist das Ziel nicht eine Kunstlehre des Verstehens, wie sie die herkömmliche philologische und theologische Hermeneutik sein wollte. Eine solche Kunstlehre würde verkennen, dass angesichts der Wahrheit dessen, was uns aus der Überlieferung anspricht, der Formalismus kunstvollen Könnens eine falsche Überlegenheit in Anspruch nähme. […] Die folgenden Untersuchungen glauben damit einer Einsicht zu dienen, die in unserer von schnellen Verwandlungen überfluteten Zeit von Verdunkelung bedroht ist. Was sich verändert, drängt sich der Aufmerksamkeit unvergleichlich viel mehr auf, als was beim Alten bleibt. Das ist ein allgemeines Gesetz unseres geistigen Lebens. Die Perspektiven, die sich von der Einführung des geschichtlichen Wandels her ergeben, sind daher immer in der Gefahr, Verzerrungen zu sein, weil sie die Verborgenheit des Beharrenden vergessen.“

Hans-Georg Gadamer 1960.

Den Ansatz, sich in den Geist vergangener Zeiten zu versetzen, wie es der Historismus anstrebte, verwirft Gadamer. Die Überlieferung, in der wir leben, ist nicht kulturelle Überlieferung, die aus Texten und Denkmälern allein besteht und einen sprachlich verfassten oder geschichtlich dokumentierten Sinn vermittelt. Vielmehr wird uns die kommunikativ erfahrene Welt selbst als eine offene Totalität beständig übergeben. Hermeneutische Anstrengung gelingt nach Gadamer überall dort, wo Welt erfahren und Unvertrautheit aufgehoben wird, wo Einleuchten, Einsehen, Aneignung erfolgen, und am Ende auch dort, wo die Integration aller Erkenntnis der Wissenschaft in das persönliche Wissen des Einzelnen gelingt. Er betont die Chance, den zeitlichen Abstand zwischen Betrachter und Gegenstand der Überlieferung produktiv zu nutzen:

„Die Ausschöpfung des wahren Sinns aber, der in einem Text oder in einer künstlerischen Schöpfung gelegen ist, kommt nicht irgendwo zum Abschluss, sondern ist in Wahrheit ein unendlicher Prozess. Es werden nicht nur immer neue Fehlerquellen ausgeschaltet, so dass der wahre Sinn aus allerlei Trübungen herausgefiltert wird, sondern es entspringen stets neue Quellen des Verständnisses, die ungeahnte Sinnbezüge offenbaren. Der Zeitenabstand, der die Filterung leistet, hat nicht eine abgeschlossene Größe, sondern ist in einer ständigen Bewegung und Ausweitung begriffen.“

Hans-Georg Gadamer 1960.

Zentral für Gadamers Ansatz zu hermeneutischem Erkenntnisgewinn ist das unter gemeinsamer Fragestellung zu führende Gespräch:

„Ein Gespräch führen heißt, sich unter die Führung der Sache stellen, auf die die Gesprächspartner gerichtet sind. Ein Gespräch führen verlangt, den anderen nicht niederzuargumentieren, sondern im Gegenteil das sachliche Gewicht der anderen Meinung wirklich zu erwägen. […] Wer die ‚Kunst‘ des Fragens besitzt, ist einer, der sich gegen das Niedergehaltenwerden des Fragens durch die herrschende Meinung zu erwehren weiß. Wer diese Kunst besitzt, wird selber nach allem suchen, was für eine Meinung spricht. Dialektik besteht darin, dass man das Gesagte nicht in seiner Schwäche zu treffen versucht, sondern es erst selbst zu seiner wahren Stärke bringt.“

Hans-Georg Gadamer 1960.

Die subjektive Standortgebundenheit des individuellen Denkens und Erkennens wird von Gadamer positiv gewendet, weil dadurch eine fruchtbare Begegnung und Auseinandersetzung mit Überliefertem angeregt und ein falsches Vorurteil der Prüfung ausgesetzt werde. Jegliche Vorurteilsbehaftung auszublenden, komme der Naivität des historischen Objektivismus gleich.

„So gibt es gewiss kein Verstehen, das von allen Vorurteilen frei wäre, so sehr auch immer der Wille unserer Erkenntnis darauf gerichtet sein muss, dem Bann unserer Vorurteile zu entgehen. Es hat sich im Ganzen unserer Untersuchung gezeigt, dass die Sicherheit, die der Gebrauch wissenschaftlicher Methoden gewährt, nicht genügt, Wahrheit zu garantieren. Das gilt im besonderen Maße von den Geisteswissenschaften, bedeutet aber nicht eine Minderung ihrer Wissenschaftlichkeit, sondern im Gegenteil die Legitimierung des Anspruchs auf besondere humane Bedeutung, den sie seit alters erheben. Dass in ihrer Erkenntnis das eigene Sein des Erkennenden mit ins Spiel kommt, bezeichnet zwar die wirkliche Grenze der ‚Methode‘, aber nicht die der Wissenschaft. Was das Werkzeug der Methode nicht leistet, muss vielmehr und kann auch wirklich durch eine Disziplin des Fragens und des Forschens geleistet werden, die Wahrheit verbürgt.“

Hans-Georg Gadamer 1960.

Der Geschehnischarakter der Erfahrung ist für Gadamer unabhängig von einem Subjekt. Im Geschehen der Sprache und des Verstehens kommt die vorgängige Zusammengehörigkeit des Subjektiven und des Objektiven vor aller Synthese und Subjekt-Objekt-Dialektik zum Ausdruck. Das Subjekt ist dem Geschehen einverleibt. Nicht das Subjekt tut, vielmehr tut sich die Sache selbst vermittels des Subjekts. Das Subjekt instrumentiert weder die Dinge dieser Welt noch die Sprache. Objektivität als Produkt der Tätigkeit des Subjekts und als Objekt-Adäquatheit subjektiver Bewusstseinsinhalte ist ausgeschlossen. Das Geschehen des Verstehens setzt ein produktives Sich-Einstellen auf das Geschehen voraus, Verschlossenheit wäre hinderlich. Verstehen ist nicht die Tätigkeit eines Subjekts. Es ist das Ereignis, das ganz Unmittelbare, vergleichbar nur der Erfahrung des Schönen in der Kunst. Wahrheit ist kein Resultat oder Prozess, sondern widerfährt uns. Alles Verstehen ist ein Einbezogen-Sein in ein Wahrheitsgeschehen. Der Mensch ist kein Subjekt. Er kann in seinem Leben meist weniger als Subjekt gestalten als er möchte. Er ist in einen Lebenszusammenhang mit tradierten Regeln hineingeboren. Es widerfährt ihm mehr, als ihm lieb ist: „Das Subjekt des Spiels sind nicht die Spieler, sondern das Spiel kommt durch die Spieler lediglich zur Darstellung.“ Das Spiel bemächtigt sich in seinem Verlauf der Spieler. Es gibt keine Objektbezüge, nur ein Wiedererkennen seiner selbst. Wahrheit kann sich nur als unmittelbare Erfahrung einstellen in dem Erlebnis eines Wiedererkennens und in dem Gefühl: Das ist es.

Misch, Lipps und Bollnow

Alternativ zur Heidegger-Gadamer-Tradition hat sich Diltheys Hermeneutik in Abgrenzung zu Husserl und Heidegger bei Misch, Lipps und Bollnow entwickelt. Nicht ontologisch ausgerichtet, schließt sie sich der Diltheyschen Kantkritik an. Ihr geht es um die Rückbeziehung philosophischer Begriffe auf das Leben und den Nachweis ihrer Genese aus dem Leben selbst. Georg Misch, Schüler Diltheys, hielt an der Universität Göttingen 1923/24 mit Hans Lipps Übungen zur Bedeutungslehre und von 1929 bis 1934 viermal die Vorlesung Logik und Einleitung in die Theorie des Wissens. Er versuchte das Verhältnis von Leben und Wissen, von Leben und Begriff neu zu bestimmen. In seinem 1930 erschienen Buch Lebensphilosophie und Phänomenologie setzt er sich mit Heidegger und Husserl auseinander.

Mischs Logik-Gedanken wurden von Lipps weiterentwickelt. 1938 erschienen Lipps Untersuchungen zu einer hermeneutischen Logik. Für ihn ist die Wirklichkeit das Einsatzfeld der Philosophie. Philosophie ist Hermeneutik der Wirklichkeit und als solche an die Sprache gebunden. Gadamer meinte dazu: „Was in England im Gefolge von Wittgenstein, Austin, Searle an Schürfung im Gestein der Sprache unternommen worden ist, hat nicht nur einen Vorgänger, sondern ein großartiges Gegenstück in Hans Lipps. Es ist eine schier unerschöpfliche Auskunft, die Lipps aus der Abfragung der Sprache gewinnt“.

Auch Otto Friedrich Bollnow stammt aus dem Kreis um Misch. Seine Weiterentwicklung der Hermeneutik Diltheys lässt sich als Lebensphilosophie charakterisieren. Leben ist für ihn tragender Grund von Kunst und Wissenschaft. Von da aus gewinnt er Zugang zu den verschiedenen Arten des Verstehens.

Neuere Ansätze

Gadamers Auseinandersetzung mit dem Historismus, auf der seine Neukonzeption der philosophischen Hermeneutik wesentlich beruht, hat Fundamente gelegt, auf denen die nachfolgende kritische Reflexion einer zeitgemäßen Hermeneutik bis heute aufbaut. Widerspruch ausgelöst haben vor allem Gadamers Behauptung einer autoritativen Geltung klassischer Texte und Kunstwerke gegenüber dem Gegenwartshorizont sowie seine Wendung gegen ein methodisches Instrumentarium, das die Gewinnung von Objektivität und Wahrheit in den Geisteswissenschaften sichern soll.

Karl-Otto Apel

Mit der Setzung eines Ergänzungsverhältnisses von „erklärenden“ Naturwissenschaften und „verstehenden“ Geisteswissenschaften verbindet Karl-Otto Apel einen methodisch zu entwickelnden ideologiekritischen Anspruch, der sich für ihn vor allem mit Blick auf die außereuropäischen Kulturen aufdrängt:

„Für sie ergibt sich von Anfang an die Notwendigkeit, zugleich mit der hermeneutischen Besinnung auf die eigenen und die fremden Traditionen ein quasi-objektives, geschichtsphilosophisches Bezugssystem zu erarbeiten, das es möglich macht, die eigene Position in den weltgeschichtlichen Zusammenhang einzuordnen, der ohne ihr Zutun durch die europäisch-amerikanische Zivilisation geschaffen worden ist. Sie werden durch die für sie unvermeidliche Verfremdung ihrer eigenen Tradition auch sogleich auf die Tatsache hingewiesen, dass geistige Sinndeutungen der Welt, z. B. religiös moralische Wertordnungen, im engsten Zusammenhang mit den sozialen Lebensformen (den Institutionen) zu begreifen sind. Was sie daher vor allem suchen, ist eine philosophisch-wissenschaftliche Orientierung, welche das hermeneutische Verständnis der eigenen und fremden Sinn-Traditionen durch soziologische Analysen der jeweils zugehörigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen vermittelt.“

Karl-Otto Apel 1973.

Analog zur psychotherapeutischen Arzt-Patienten-Situation sei daher ein partieller Abbruch der hermeneutischen Kommunikation zugunsten objektiver Erkenntnismethoden nötig. Heranzuziehen seien neben hermeneutischen Verfahren die „objektiven Strukturanalysen der empirischen Sozialwissenschaften zur Erklärung etwa der nicht literarisch belegbaren Interessen-Konstellationen in der politischen und auch in der Ideengeschichte.“

Anders als das hermeneutische Verstehen glichen psychologische und sozialpsychologische Verhaltensanalysen dem prognostisch relevanten Wissen der Naturwissenschaft; wie diese ermöglichten sie „eine technische Herrschaft über ihren Gegenstand“, wie sie in Manipulationen von Konsumenten durch den Werbefachmann oder der Wähler durch den demoskopisch geschulten Politiker zum Ausdruck kämen. Aus diesen Überlegungen ergibt sich, so Apel, „die methodologische Forderung einer dialektischen Vermittlung der sozialwissenschaftlichen ‚Erklärung‘ und des historisch-hermeneutischen ‚Verstehens‘ der Sinntradition unter dem regulativen Prinzip einer ‚Aufhebung‘ der vernunftlosen Momente unseres geschichtlichen Daseins.“

Paul Ricœur

Ausgehend davon, dass Hermeneutik zunächst auf Regeln für die „Interpretation von schriftlichen Dokumenten unserer Kultur“ gerichtet ist, stellt sich für den französischen Philosophen Paul Ricœur die Frage der Übertragbarkeit einer Methodologie der Textinterpretation auf humanwissenschaftliche Erkenntnisgewinnung im Allgemeinen. Ansatzpunkt seiner Untersuchung ist die These, dass die menschliche Handlung ebenso wie ein Text „ein unvollendetes offenes Werk ist, dessen Sinn in der Schwebe bleibt.“ Der Text als ein Ganzes sei ebenso Individuum wie ein Lebewesen oder Kunstwerk:

„Als Individuum kann er nur durch einen Prozess der Einengung und Spezifikation von Gattungsbegriffen erfasst werden, welche sich auf die literarische Gattung beziehen, auf die Kategorie von Texten, zu denen dieser Text gehört, und auf die Strukturen der verschiedenen anderen Kategorien, die sich in diesem Text überschneiden.“

Paul Ricœur 1971.

Es gebe immer mehr als einen Weg der Konstruktion oder Rekonstruktion eines Textes.

„Die Logik der Validierung eröffnet uns einen Interpretationsrahmen zwischen Dogmatismus und Skeptizismus. Es ist immer möglich, für oder gegen eine Interpretation zu argumentieren, Interpretationen einander entgegenzusetzen, sich zwischen ihnen zu entscheiden und nach Übereinstimmung zu suchen, auch wenn diese Übereinstimmung nur jenseits unserer Reichweite liegen kann.“

Paul Ricœur 1971.

Die strukturale Textanalyse läuft für Ricœur dabei nur auf eine „Oberflächen-Semantik“ hinaus, während das eigentliche Verstehen und Erfasstsein des Lesers eine Tiefen-Semantik erfordere. „Die Tiefensemantik des Textes ist nicht das, was der Autor selbst zum Ausdruck bringen wollte, sondern ist das, von dem der Text handelt, d. h. er handelt von den nicht-ostentativen Bezügen des Textes. Und der nicht-ostentative Bezug des Textes ist jene Welt, die von der Tiefensemantik des Textes erschlossen werden kann. […] Verstehen hat nur wenig zu tun mit dem Autor und seiner Situation. Es möchte die durch den Text eröffneten Weltdeutungen begreifen. Einen Text verstehen heißt, seiner Bewegung vom Sinn zum Bezug, von dem, was er sagt, zu dem, wovon er handelt, folgen.“ So bestehe der Sinn von Texten mythischen Charakters in der Aufforderung, den Text als Ausgangspunkt einer neuen Weltsicht zu nehmen.

Eine analoge Tiefensemantik gibt es für Ricœur auch bei der Interpretation sozialer Phänomene, „d. h. die Entfaltung einer Welt, die nicht mehr nur Umwelt ist, der Entwurf einer Welt, die mehr ist als eine bloße Situation: Können wir nicht sagen, dass wir auch in den Sozialwissenschaften mit Hilfe der strukturalen Analysen fortschreiten von naiven zu kritischen Interpretationen, von Oberflächen-Interpretationen zu Tiefen-Interpretationen?“

Jürgen Habermas

Als wichtiger Vertreter der Kritischen Theorie hat sich auch der Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas mit Gadamers Hermeneutik auseinandergesetzt. Die Einbeziehung sozialwissenschaftlicher Forschungsansätze und einer emanzipatorischen Ideologiekritik verbindet ihn mit Apel, die Einforderung einer Meta- und Tiefenhermeneutik mit Ricœur. Habermas kritisierte vor allem, dass der dialogisch gewonnene hermeneutische Konsens im Sinne Gadamers auch Ausfluss einer ideologisch verschleierten Herrschaftsstruktur sein könne, die es aufzudecken gelte. Wie die Psychoanalyse das geeignete Instrumentarium zur Aufdeckung individueller Bewusstseinstrübung bereitstelle, so habe die Ideologiekritik falsches gesellschaftliches Bewusstsein sozialwissenschaftlich aufzuarbeiten.

Die Auseinandersetzung Gadamers mit den von Habermas und Apel eingenommenen Positionen hat einen wechselseitigen Lernprozess ausgelöst. Die Analogie von Psychoanalyse und Ideologiekritik hat Gadamer zwar deutlich zurückgewiesen, da es auch unter Berufung auf die Kompetenz einer emanzipatorischen Sozialwissenschaft nicht angehe, einem Gesellschaftsverband, der sich nicht als behandlungsbedürftiger Patient sehe, ein falsches Bewusstsein zu attestieren. Gadamer ist aber von Habermas dazu angeregt worden, das kritische Potential seiner Hermeneutik in der Folge deutlicher herauszuarbeiten. Habermas hingegen hat sich vom Paradigma einer soziologisch erweiterten Psychoanalyse abgekehrt und eine Universalisierung der hermeneutischen Grundkategorie der Verständigung im Modell einer herrschaftsfreien Diskursethik entwickelt. In dieser Hinsicht beobachtet Grondin eine „tiefgreifende Solidarität“ zwischen Gadamer und Habermas, die zur Gemeinschaft führe „gegen die neue Herausforderung des Dekonstruktivismus und des neohistorischen Postmodernismus.“

Interkulturelle Hermeneutik

Der österreichische Philosoph Hans Köchler hat – mit Anklang an Apels Blick auf die außereuropäischen Kulturen – herauszuarbeiten gesucht, wie die Gadamer’sche Hermeneutik als Grundlage eines „Dialoges der Zivilisationen“ dienen kann. Die kulturphilosophischen Aspekte internationaler Kooperation sah Köchler 1974 von der „Dialektik des kulturellen Selbstverständnisses“ geprägt und zog Gadamers Begriff der „Horizontverschmelzung“ zur Erläuterung der Verständigung zwischen verschiedenen Kulturen heran. Seine hermeneutisch akzentuierte Kritik am Paradigma des „Konfliktes der Zivilisationen“ wandte Köchler auch auf die Theorie der internationalen Beziehungen an.

Hermeneutischer Intentionalismus

Der hermeneutische Intentionalismus zielt darauf ab, die Gedanken und Absichten des Autors zu erfassen. Bedeutende Vertreter dieser Richtung sind im 20. Jahrhundert Paul Grice und Quentin Skinner. Skinner unterscheidet streng zwischen der retrospektiven Bedeutsamkeit eines historischen Werks (significance) und der Bedeutung, die das Werk für seinen Autor hat (meaning). Von der Bedeutsamkeit könne weder auf die Bedeutung des Werkes für den Autor noch auf die Bedeutung des Werkes selbst geschlossen werden. Vielmehr sei die Bedeutung eines Werkes immer identisch mit der Bedeutung, die dieses Werk für seinen Autor hat. Denn es sind nach Skinner die Absichten des Autors, welche die Bedeutung des Werkes festlegen. Letztlich fixiere der Autor, was sein Werk bedeutet. Der Werkkonsument kann demnach nur diese Bedeutung feststellen und das Werk retrospektiv mit seinen Wirkungen ins Verhältnis setzen. Dabei darf die vom Autor festgelegte Werkbedeutung nicht verletzt werden.

Der Verstehensprozess als Spiralform

Jürgen Bolten möchte den Begriff des Zirkels durch den Begriff „hermeneutische Spirale“ ersetzen. Der Vorgriff auf das Ganze des Textes werde durch ein genaueres Verständnis des Einzelnen laufend korrigiert. Der Verstehensprozess führt demnach zu einem ständigen Verstehenszuwachs und ist damit kein zirkuläres Zurückkehren zu seinem Ausgangspunkt:

„Einen Text verstehen heißt demzufolge, Merkmale der Textstruktur bzw. des -inhaltes und der Textproduktion unter Einbeziehung der Text- und Rezeptionsgeschichte sowie der Reflexion des eigenen Interpretationsstandpunktes im Sinne eines wechselseitigen Begründungsverhältnisses zu begreifen. Dass es dabei weder falsche noch richtige, sondern allenfalls mehr oder minder angemessene Interpretationen geben kann, folgt aus der […] Geschichtlichkeit der Verstehenskonstituenten und der damit zusammenhängenden Unabschließbarkeit der hermeneutischen Spirale. […] Der Spiralbewegung entsprechend, unterliegt die Interpretation hinsichtlich ihrer Hypothesenbildung diesbezüglich einem Mechanismus der Selbstkorrektur.“

Jürgen Bolten, Die Hermeneutische Spirale

Psychologie des Verstehens

In der modernen Psychologie wird Verstehen als ein konstruktiver und rekonstruktiver Prozess beschrieben, durch den neue Information mit so viel Sinn wie möglich ausgestattet wird. Dieser Prozess ist mit dem Wahrnehmen und Erinnern eng verknüpft. Der Mensch verlässt sich beim Verstehen auf existierende kognitive Strukturen. Information wird als zu einem bestimmten Schema gehörig interpretiert. Schemata in diesem Sinne sind Strukturen des Denkens und Wissens, die Vorannahmen über konkrete Gegenstände, Menschen, Situationen und die Art ihrer Beziehungen enthalten. Es handelt sich dabei um reale psychische Einheiten, die systemisch strukturiert sind. Hinweise des aktuellen Inputs lenken auf ein bestimmtes Schema. Die Information wird dann im Lichte der Erwartung aufgrund bereits existierender Schemata interpretiert. Der Rest des Bildes wird mit schemarelevanter Information aufgefüllt. Sobald Information als zu einem bestimmten Schema gehörig interpretiert wird, können sich unbemerkt die bereits vorhandenen alten Strukturen verändern.

Schemata beeinflussen also als Vorwissensstrukturen die Integration neuer Information. Sie erfüllen dabei folgende Funktionen:

  1. Nur die Information wird aufgenommen, die für bereits vorhandene Schemata relevant erscheint (Selektion).
  2. Es werden aufgrund von Erwartungen bestimmte Leerstellen eröffnet, die aus dem konkreten Informationsangebot aufgefüllt werden (Erwartung).
  3. Schemabezogene Information erhält mehr Aufmerksamkeit als schemairrelevante Information und wird deshalb auch besser behalten (Aufmerksamkeit).
  4. Nur die Bedeutung, nicht aber die Form einer Information wird weiter verarbeitet (Abstraktion).
  5. Information wird in Bezug auf die vorhandenen Schemata interpretiert (Interpretation).
  6. Die verarbeitete Information wird mit den Schemata zu einem neuen System verbunden oder geht in ihm ganz auf (Integration).

Das auf Dilthey zurückgehende Konzept des Verstehens im Sinne eines innerlichen Nacherlebens wird teilweise als spekulativ und dogmatisch kritisiert. Dass sich bei einem „verstehenden Psychologen“ die Überzeugung einstellt, er habe bestimmte Zusammenhänge in ihrem Wesen durchschaut, entbehrt danach der wissenschaftlichen Objektivität. Andere Wissenschaftler können dieser subjektiven Überzeugung aufgrund ihres jeweils eigenen Verstehens desselben Sachverhalts widersprechen. Das Kriterium der Überprüfbarkeit entfällt demnach.

sozial

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Das Wort sozial (von lat. socius‚ gemeinsam, verbunden, verbündet‘) bezeichnet wechselseitige Bezüge als eine Grundbedingtheit des Zusammenlebens, insbesondere des Menschseins (der Mensch als soziales Wesen). Es taucht in mehreren Bedeutungen auf.

Umgangssprachlicher Gebrauch

In der Umgangssprache bedeutet „sozial“ den Bezug einer Person auf eine oder mehrere andere Personen; dies beinhaltet die Fähigkeit (zumeist) einer Person, sich für andere zu interessieren, sich einfühlen zu können, das Wohl Anderer im Auge zu behalten (Altruismus) oder fürsorglich auch an die Allgemeinheit zu denken. Aber es bedeutet auch, anderen zu helfen und nicht nur an sich selbst zu denken. Zahlreiche Abschattierungen bestehen, so zum Beispiel, gegenüber Untergebenen großmütig oder leutselig zu sein, gegenüber Unterlegenen ritterlich, gegenüber Gleich- und Nichtgleichgestellten hilfreich, höflich und taktvoll und verantwortungsbewusst. Unsozial in diesem Sinne handelt, wem all das abgeht. Asozial (oft mit absprechendem Beiklang) ist, wer (fast) unverbunden mit ihr ‚am Rande‘ der Gesellschaft lebt, wer sich nicht in sie ‚einfügen‘ kann oder zumal, wer als ihr Schädiger angesehen wird.

Das Adjektiv „sozial schwach“ ist ein Euphemismus für „arm“. Sozial ist, wer durch eigene Leistung zum Wohlstand für alle beiträgt.

Fachsprachlicher Gebrauch

Der Begriff sozial wird auch verwendet in folgenden Fachbereichen:

Release 2011.07.31

 

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